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Kristin Reinbach

Expertin & Unternehmensberaterin für Marktorientierung & Performance bei krysalis consult
Unterstützt Führungskräfte & Teams in komplexen Organisationen von DAX bis Mittelstand dabei, ihre Ziele zu erreichen. Mehr als 15 Jahre Erfahrung in Vermarktungs- und Performance-Themen. "unkonventionell, kreativ & analytisch stark, wertschätzend, effektiv"
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Im Bewertungswahn: Wie wir erfolgreich Projekte gefährden

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Wir haben heute einen solchen Bewertungs-Wahn, dass wir gar nicht mehr aufhören können:

Da werden Posts in Facebook oder auf Xing gleich gelikt oder mit einem Stern versehen (POSITIVE Bewertung),

da kann man seinen Kommentar zum logischen Fehler im Tatort direkt per Twitter abgeben,

da werden ständig die Quartalszahlen herangezogen und bewertet,

den ganzen Tag wird

  • bewertet,
  • bewertet,
  • bewertet,
  • bewertet.

Und – wenn es ums Arbeiten geht – meistens negativ.

Denn das ist ja einfach.

Das zeigt den kritischen Geist, der zwischen Gut und Schlecht zu unterscheiden mag.
Einen kritischen Geist, den mögen wir deswegen natürlich alle haben. Alles andere wäre ja un-kritisch, zu neutral, würde keine Kante zeigen, wäre Wischiwaschi, zu naiv.

Rasch und klug zu bewerten kann sehr nützlich sein – bei Entscheidungen zum Beispiel.

Wenn ich entscheiden will, ob ich zu Burger King oder McDonalds gehe, dann brauche ich Unterscheidungs- und Bewertungsfähigkeit: Was ist für mich das wesentliche Kriterium? Wenn es gutes Burgerfleisch ist, dann ist A mein Favorit. Wenn es die Gesamtrezeptur ist, dann ist B mein Favorit….

Diese rasche Bewertung im Abgleich mit meinen Zielen macht die Entscheidung einfach und schnell.

Das ist gut, das spart Zeit, das sorgt dafür, dass ich kriege, was ich will.

Auf der anderen Seite kann eine zu frühe Bewertung tödlich sein.

Das gilt vor allem für Aufbau- und Wachstumsprojekte.

Jahr für Jahr sterben Dutzende Projekte in Unternehmen

– spätestens bei der Budget-Revision.

Ihre Leichen werden noch nicht mal verscharrt, man lässt sich noch nicht mal von ihnen scheiden, oder entscheidet sich gegen sie, nein es ist eher so als würden sie annulliert.

Warum?

“Hat nicht den erhofften Erfolg gebracht.”

Welcher Erfolg genau?
Welche Hoffnung?
Wer sagt, dass die Hoffnung dem Potential angemessen war?

Jahr für Jahr frustrieren sich Projektteams selbst – oder ihre Vorgesetzten tun es (!) – : Weil sie vorschnell bewerten.

Das ist so

als würde man Kuchen backen wollen, stoppt den Prozess aber vor dem Backen.

Man sucht das Rezept raus, besorgt die Zutaten, stellt alles bereit, bringt die Butter auf die richtige Temperatur, rührt den Teig zusammen, der Ofen heizt vor… und dann kommt was dazwischen. Es klingelt an der Tür oder jemand ruft an.

“Warum ist der Kuchen immer noch nicht fertig?”

kommt plötzlich jemand um die Ecke.

“Ähm, weil er noch nicht im Ofen ist.”
“Also, wenn Ihr ihn bis jetzt noch nicht im Ofen habt, dann könnt Ihr das mit dem Kuchenbacken wohl einfach nicht. Das wird ja nie was.”
Und….

Cut. Aus. Ende.

Ergebnis: Ein fertiger Teig. Ein heißer Ofen. Kein Kuchen. Das Team deprimiert und frustriert. Kann offensichtlich nix.

Jahr für Jahr sterben auch Lebensträume an zu früher Bewertung.

Für private Projekte ist der Effekt leider ähnlich deprimierend. Da wagt sich jemand vor und geht seinen Traum an. Er sucht seinen Traumjob. Er will ein Buch schreiben. Es dauert länger als er dachte. Der erste Versuch gelingt nicht gleich. Vielleicht auch der 3. nicht.

Er gibt auf.

“Naja, es hat wohl nicht sollen sein.” sagt man dann.

“Die Verlage wollen sowas eh nicht.” wird resümiert.

“Der Markt hats nicht hergegeben.” zuckt man die Schultern bei einer Gründung.

Das einzige Gegenmittel: Durchhalten (wieder) lernen

Inzwischen bin ich überzeugt, dass wir hier ein grundlegendes Defizit haben, das durch Aktienmärkte und schnellste Informations- und Dialogmedien nur noch verschärft wird.

Wir haben das Durchhalten verlernt.

Korrigiere mich: Wir haben es gar nicht wirklich gelernt.

Das Gespür für größere Prozesse fehlt den meisten von uns.

Machen wir uns nix vor:

Ich bin die letzte, die mit einem ‘natürlichen’ Gespür für Langsamkeit und den Wert des Durchhaltens auf die Welt gekommen wäre.

Für mich muss(te) immer alles schnell gehen. Wenn früher ein Praktikum oder ein Auslandsjahr ein Jahr Vorlauf brauchte, dann war das weit hinter meinem Wahrnehmungs-Horizont – und damit raus.

In den letzten Jahren habe ich in den vielen Projekten in der Unternehmensberatung und in meinen eigenen Unternehmen dazu gelernt – daher habe ich inzwischen deutlich mehr Durchhaltevermögen als je zuvor – und weiß vor allem, wie man sein Durchhaltevermögen vernichten oder aufbauen kann.

Durchhalten, das heißt nämlich:

  • Etwas so dringend wollen, dass wir uns von Hindernissen und Rückschlägen nicht abhalten lassen
  • Es selbst dann noch wollen, wenn es mehr Zeit, mehr Geld, mehr Liebe, mehr Nacktheit, mehr Entwicklung von uns braucht
  • Es um der Sache willen zu tun auch OHNE sichtbares Ergebnis
  • Heute verzweifelt sein, aber morgen wieder weiter machen
  • und vor allem….nicht zu früh zu bewerten.

Fast jedes größere Vorhaben ist nämlich ein Lernprozess.

Und ein erfolgreicher Lernprozess lebt davon, dass er bewertungsfreie Lern- , Probier- und Testphasen beinhaltet.

Wenn Ihr Kind laufen lernt und es fällt grade zum 52. Mal hin,

hat immerhin aber auch schon ein paar Mal fast gestanden…stellen Sie sich da daneben und machen bei jedem Umfallen enttäuschte Grimassen, schlagen die Hände überm Kopf zusammen und schauen deprimiert?

Falls Sie vorhaben, dem Kind das Laufen schon abzugewöhnen, bevor es das kann – das dürfte funktionieren! 🙂

Natürlich tun Sie das nicht – stattdessen brechen Sie in Freudengeheul aus, sobald es einmal wacklig auf den noch krummen Fußsohlen balanciert – zu Recht!

Damit haben Sie als Coach etwas ganz wesentliches richtig gemacht.

Sie haben die Bewertung verschoben.

Sie haben nicht zu früh und vor allem nicht zu kritisch bewertet.

Sie waren sofort zum Feiern da, als sich zeigte, dass etwas – irgend etwas! –  voranging.

Und zwar schon bei diesen ersten kleinsten Zeichen von Erfolg – nicht erst, wenn das Kind ganze Kilometer leger mit Ihnen joggen geht.

Grosse Projekte im Geschäfts- und Privatleben sind Lernprozesse.

Lernprozesse brauchen bewertungsfreie Phasen.

Wenn Sie wollen, dass ein großes, langes, wesentliches Projekt gelingt, gestehen Sie diese bewertungsfreien Phasen sich und anderen zu.

Machen Sie Ernst damit.

Wenn die Ungeduld Sie packt, beißen Sie sich auf die Zunge. Sagen Sie nichts. Denken Sie an etwas anderes.

Warten Sie ab, bis die Bewertung Sinn macht – und feiern Sie dann frenetisch die ersten zaghaften Entwicklungen als Erfolg!

So schaffen Sie weiteren Raum für den Erfolg –

bis das Gelingen in diesem Bereich zum Normal-Zustand wird.

Damit zu Ihren Erfahrungswerten als Führungskraft:

  • Jetzt, da Sie wissen, wie wichtig bewertungsfreie Phasen für das Gelingen großer Vorhaben sind…welche Projekte in Unternehmen & Leben würden Sie anders angehen?
  • Denken Sie an ein großes Vorhaben, das Sie erfolgreich durchgezogen haben: Welche Rolle hat die Bewertung dafür gespielt? Wie haben Sie zu frühe Bewertungen unschädlich gemacht?
  • Welche Methoden kennen Sie, um sich gegen die zu frühe Bewertung von anderen oder sich selbst besser abzupuffern?

Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen und Tipps dazu – bitte hinterlassen Sie sie hier unten als Kommentar- danke jetzt schon! 🙂

P.S.: Sie finden diese Anregung hilfreich? Dann nehmen Sie sich doch eine Sekunde und geben Sie sie weiter, indem Sie den Beitrag per Mail oder in Ihren Netzwerken teilen – danke!

[Bildquelle: Cherylholt auf Pixabay – danke!]

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