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Kristin Reinbach

Expertin & Unternehmensberaterin für Marktorientierung & Performance bei krysalis consult
Unterstützt Führungskräfte & Teams in komplexen Organisationen von DAX bis Mittelstand dabei, ihre Ziele zu erreichen. Mehr als 15 Jahre Erfahrung in Vermarktungs- und Performance-Themen. "unkonventionell, kreativ & analytisch stark, wertschätzend, effektiv"
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Sans the Bullshit: Das “minimal viable product”

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– Die Serie ‘Sans the Bullshit’ klärt auf: Was hinter fluffigen Business-Worten steckt. Hier: Das ‘minimal viable product’. Für Ihr effektives Leadership. –

Heute also mit dem ‘minimum viable product’.

Was sagt Wikipedia dazu?

http://en.wikipedia.org/wiki/Minimum_viable_product

the product with the highest return on investment versus risk

Gut, natürlich… so ein ‘Produkt mit möglichst hohem ROI versus eingesetztem Kapital / Aufwand… das war schon immer Produktmanagers Liebling.

Das Bemühen darum, nicht zu viel Material fürs Geld in einem Produkt zu versenken, da wurde früher mathematisch gelöst und hieß ‘Produktionsfunktion’. An der Universität Mannheim hatten wir dafür das schöne Beispiel Hundefutter – und bei dem sollte man jetzt berechnen, wieviel anständiges Fleisch da rein muss, damit das Hundefutter noch hundefutterig genug ist – und wo die Grenze nach unten liegt, an der man zwar kaum Produktionskosten mehr hat, aber auch keiner das Hundefutter mehr seriös findet und kauft.

In anderen Zusammenhängen könnte man also auch über die Anwendung des ‘Minmax’-Prinzips sprechen:

“Wie erreichen wir mit möglichst wenig Aufwand viel Effekt?”

Experten des Minmax-Prinzips kennt jeder von uns sicher einige – es sind alle, die möglichst wenig an Zeit, Geld o.ä. zu investieren, um möglichst viel zu erreichen. Im Alltag gibt es einige ‘natürliche’ Experten-Zielgruppen – da sind Abiturienten, Studenten ganz vorne weg… (‘wie erreiche ich mit möglichst wenig Aufwand eine anständige Note?’, ‘wie kann ich bei meinem beschränkten Budget dennoch nach Spanien fahren?’ ;), aber auch die schwäbische Hausfrau, wie man sie sich in den 50er Jahren idealtypisch vorgestellt hätte.
Genauer gesprochen bietet man bei einem ‘minimal viable product’ nur so viel, dass es grade mal überhaupt funktioniert. Ähm, so, dass es gerade mal vermarktbar, sprich: verkäuflich ist.

“The product is typically deployed to a subset of possible customers, such as early adopters that are thought to be more forgiving, more likely to give feedback, and able to grasp a product vision from an early prototype or marketing information.”

Das Produkt wird also meist willigen, ahnungslosen, pflegeleichten Kundensegmenten vorlegt…und verkauft.

Fast ein bißchen hemmungslos, oder? 😉

Minimal, aber brauchbar” heißt es woanders () – aber – mal ehrlich – wie steht ‘brauchbar’ einem ‘begeistert die Kunden völlig’ gegenüber?

Letzten Endes will man nicht zu viel Zeit und Geld verschwenden, bevor man mal ausprobiert, ob und warum das Produkt den Kunden schmeckt.

Das Gute daran kann natürlich sein, dass das Produkt vom Kunden quasi mit-entwickelt wird.

Aber wer sagt, dass Ihre Kunden wirklich fantasievoll genug sind dafür?

Das Vorgehen kann für Marktnähe sorgen – und im gleichen Moment wenig kundenorientiert enden.

Beispiel:
Wenn ich eine richtig tolle Schoko-Hochzeitstorte verkaufen will, dann kann ich natürlich mal jemandem Kostproben des Teigs geben, aber der Gesamtnutzen entsteht eben doch erst mit allen wesentlichen Features inklusive der Dekoration, dem Spitzendeckchen darunter, der wunderbaren Crème dazwischen etc.
Aus Old School Marketing Sicht könnte man auch bös sagen:
“Die sind zu faul und zu geizig, anständige Konzepttests bzw. zur Situation passende Marktforschung zu betreiben.”
Und verlangen parallel schon mal Geld für das halbfertige Produkt. Aus eigener Erfahrung – meist bei Cloud Software – kann ich leidvoll seufzend bestätigen, dass das leider oft darauf hinausläuft.

Der nützliche Kern am ‘minimal viable product’:

Produktentwicklungen früh zu testen ist gut und wichtig, das war schon immer so und wird immer so bleiben. Durchaus denkbar, dass Steve Blanks, auf den diese Bezeichnung / Konzept zurückgehen soll, es entwickelt hat, um übereifrige Programmierer von hinterm Ofen mit ihren Produkten hin zum Kunden zu holen – und zwar BEVOR man sich totprogrammiert und/oder pleite geht.

Der Bullshit am ‘minimal viable product’, den man getrost vergessen kann:

Entweder ist es ein Testprodukt ODER es es ist ein gelaunchtes Produkt.
Nur weil man es mit Software oder mehr ‘Online’ zu tun hat, ändert das nix daran.

Ein Grundproblem daran: Ist der Kunde zuständig dafür, zu verstehen, dass er ein “MVP” benutzt?????

“Richtig anstrengend wird es allerdings, wenn der gemeine Nutzer an sich nicht versteht, dass er gerade ein MVP benutzt, sondern völlig zu recht erwartet, dass er bereits ein fertiges Produkt nutzt.”

heißt es da.

Ähm, ja, natürlich. Das erwarten wir Kunden eben so. Wenn wir für was Geld zahlen.

Knappe Ressourcen, schnell an den Markt kommen wollen…ja, Startup, Konzern, hin oder her – all das war schon immer so. Mit den Ressourcen sinnvoll umzugehen, ist bewährt, sinnvoll, zu befürworten – doch nie jemals eine wirklich neue Idee.

‘Minimal viable product’ – in Wahrheit synonym mit:

Ich sehe ehrlich gesagt keinen echten Grund, warum man – für die noch nicht ganz verkaufsfertige Version – nicht mehr vom ‘Dummy’ oder eben dem guten alten ‘Pilotprodukt’ sprechen kann. Auch den ‘Betatest’ finde ich da seriöser und handlicher.

Anwendungsempfehlung:

‘minimal viable product’ empfehle ich sehr sparsam zu dosieren – sowohl als Wort als auch inhaltlich. Die Kundenorientierung bzw. der Kundennutzen geht viel zu leicht verloren. Die Gefahr ist einfach zu hoch, dass Ihr Team / KollegInnen mit der primitivsten Variante des Produkts um die Ecke kommen und Sie dann Schwierigkeiten haben, zu argumentieren, warum es AUS KUNDENSICHT eine solide(re) Basis-Version darstellen muss.

Damit hätte ich hier auch meinen deutschen Gegenvorschlag:

Wie wäre es mit ‘solider Basis-Version’? In gewisser Weise war das der Volkswagen Käfer auch… er hatte vier Räder, einen Motor, fuhr, man blieb bei Regen trocken, er war halbwegs schick und stabil…und hatte dafür einen fairen Preis. Alles andere, Varianten bzgl. Farben, Motoren, etc. konnte ruhig später passieren.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Ist das MVP Bullshit – oder nicht?

  • Haben Sie MVP schon in der Realität erlebt? In der eigenen Produktentwicklung? Oder als ‘Opfer’, ähm Kunde? 🙂
  • Welche Empfehlungen oder Tipps haben Sie für andere, die darüber nachdenken, dieses Konzept zu verwenden?

Hat Ihnen diese Inspiration im ‘Ziele-erreichen-Blog gefallen? Dann inspirieren Sie doch andere damit:

Die Serie 'Sans the Bullshit' klärt auf - hier: Das 'minimal viable product' Klick um zu Tweeten

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